Photo: Andrej Dyck

Seit einer ganzen Weile kündige ich hier schon an, dass ich mal etwas über meinen Ausflug in die analoge Fotografie schreiben werde. Heute nun!

Im letzten Jahr bin ich über einen Bericht im Netz gestolpert, in dem ein Fotolabor empfohlen wurde, welches recht günstig Filme entwickelt und anschließend scannt: Mein Film Lab. Die Dienstleister, die ich bis gefunden hatte, waren mir zu teuer. Es reizte mich aber schon länger, mit alten Kameras und Film zu fotografieren aber es war klar, dass ich die Ergebnisse hinterher im Computer haben möchte. Wie soll ich sonst bloggen?

Warum dann überhaupt mit Film fotografieren, wenn das Ergebnis digital ist?

Die Gründe

Technik

Ich habe Spaß an alten und schönen mechanischen Geräten. Meine erste (analoge) Spiegelreflexkamera war eine Canon AE-1 und ich erinnere mich heute noch an das Geräusch von Verschluss und Spiegel, das Gefühl, den Auslöser zu drücken und das Surren beim Filmspannen. Ähnlich wie beim ersten Auto: Wer erinnert sich nicht gerne an sein erstes eigenes Gefährt? Auch wenn es – bei den meisten vermutlich – gebraucht und wenig sexy war.

Entschleunigung

Weniger Bilder schießen. Den Bildausschnitt bewusster wählen. Blende und Zeit mit Bedacht einstellen. Nicht drauflos knipsen. Nicht noch eins machen und noch eins und…, wenn es nichts geworden ist (was man bei der Digitalen ja gleich auf dem Display kontrollieren kann). Nicht mit 100, 200, 500 Bildern von einem Shoot zurückkommen. Das Handwerk verbessern.

Filmlook

Ich stolpere im Netz immer häufiger über Berichte zur Fotografie mit Film und habe gemerkt, dass mir der analoge Look (Korn, Farben usw.) oft gefällt. Die analoge Fotografie erlebt derzeit eineAufschwung. Nachdem in den letzten Jahrzehnten immer mehr Filme vom Markt verschwunden sind, kommen nun wieder neue oder wiederaufgelegte in den Markt.

Mittelformat

Wow, wieviel Information auf 6 x 6 cm Film passt, im Vergleich zu einem APS-C Sensor, der nur rund 22 x 15 mm groß ist. Selbst die sogenannten Vollformat-Digitalen haben einen Snesor, der lediglich 24 x 36 mm groß ist (was dem analogen Kleinbildformat entspricht). Mittelformat ist auch deshalb interessant, weil die Ebene, welche bei der Aufnahme scharf abgebildet werden kann (Schärfentiefe), immer kleiner wird, je größer das Negativ oder der Sensor ist. Daher kann man mit Mittelformatkameras wunderbar freistellen, wenn man mit offener Blende fotografiert.

Fotografiert man mit einer offenen Blende (kleine Blendenzahl), ist das Scharfstellen auf die bildwichtigen Elemente entscheidend. Ich möchte bei einem Portrait meistens die Augen im Fokus haben und nicht die Ohren. Verwendet man z.B. ein Objektiv mit 150 mm Brennweite an einer 6×6 Kamera (entspricht etwa 90 mm an der Kleinbildkamera), fotografiert mit Blende 2.8 und das Objekt ist 2 m entfert, beträgt die Schärfentiefe (also der Bereich, der scharf abgebildet wird) nur 5 cm. Stellt man exakt auf die Augen scharf, wird also der Bereich 2,5 cm vor und hinter den Augen scharf dargestellt.

Je nach Kamera ist das echt eine Herausforderung. Insbesondere mit der meiner 6×6 Zenza Bronica. Bei einem Portrait möchte ich das Gesicht (die Augen) nicht unbedingt in der Mitte des Bildes haben. Dort befinden sich aber die Fokusierhilfen auf der Mattscheibe: Mikroprismenring und Schnittbildindikator. Erst auf die Augen Scharfstellen und dann den Bildausschnitt ändern, funktioniert bei so geringer Schärfentiefe oft nicht.

Lust auf Veränderung

Dazu muss ich nicht viel schreiben. Leser meines Blogs wissen, dass ich gern und oft neue Dinge ausprobiere.

Meine neuen (alten) Kameras

Bevor ich in neues Equipment investierte, wollte ich das ganze erst einmal ausprobieren. Freund Bernd, selbstständiger Fotograf, hat mir dankenswerter Weise seine Zenza Bronica SQ-A geliehen, eine 6 x 6 Mittelformatkamera. An einem Sonntagnachmittag bin ich mit Kamera und Stativ (!) losgezogen und abends mit 24 Bildern nach Hause gekommen. Es ist eben doch nicht spotbillig, analog zu fotografieren und an den Umgang mit der Kamera musste ich mich auch erst gewöhnen. Ein 120er Film hat bei 6×6 nur 12 Aufnahmen. Da ich damals noch keinen Belichtungsmesser hatte, nahm ich einfach meine Digicam mit, habe damit die Szene „ausgemessen“ und die Werte auf die analoge Kamera übertragen. Das hat gut funktioniert. Die Bilder habe ich dann nach 2 Wochen vom Labor zurückbekommen. Auch wieder wie früher: Ich war immer gespannt, wenn ich in den Fotoladen gegangen ist, um Bilder abzuholen. Mal war ich enttäuscht, mal überrascht. Experimente waren schwierig, weil man eben nicht das direkte Feedback hatte, wie heute bei einer digitalen Kamera.

Nach und nach habe ich, zum Teil sehr günstig, einige alte Kameras gekauft.
[ich muss zugeben, es sind nicht alle meine analogen Kameras auf dem Foto 😳]

Zenza Bronica SQ-Ai, 6×6

Olympus 35 RD und Canonet 28 sind kleine, kompakte Messsucherkameras für Kleinbildfilme. Quasi Immerdabeikameras.
Wer schon früher mit SLR fotografiert hat, kennt sicher die Canon A-1, eines der Flagschiffe in den 70/80er Jahren. Auch diese wird mit Kleinbildfilmen geladen.

Nach meinen ersten Versuchen mit Bernds Zenza Bronica, kam dann eine SQ-Ai hinzu, die neben dem internen Belichtungsmesser, den  ich bisher nicht benutze, da ich mittlerweile einen externen Belichtungsmesser habe (der auch Blitzlicht messen kann), ein Spiegelvorauslösung hat. Wenn man bei einer Spiegelreflexkamera auf den Auslöser drückt, klappt erst der Spiegel hoch (“Spiegelreflex”), dann geht der Verschluss auf und der Film wird belichtet. Bei der Spiegelvorauslösung klappt man den Spiegel hoch, sobald der Bildausschnitt festgelegt ist, und drückt danach erst auf den Auslöser. Das verringert Erschütterungen und vermeidet „Verwackler“, zu denen es trotz Stativ kommen kann. Der Spiegel in der Zenza misst immerhin knapp 6 cm im Quadrat, hat ordentlich Masse und erzeugt einen ordentlichen Rumms beim Hochklappen.

 

Zensa Bronica & Fujica GL690

Danach bin ich auf die Fujica GL 690 gestoßen. Die ist deshalb interssant, weil die Negative 6 x 9 cm groß sind, rechteckig und eben nicht quadratisch, wie bei 6 x 6. Die Kamera ist ein Biest, ziemlich groß und schwer. Ich hatte schon 2 Filme damit verschossen und musste dann leider feststellen, dass 2/3 der Bilder nicht belichtet waren. Glücklicherweise gibt es in Stuttgart eine Werkstatt für Kameras und der extrem nette Herr Hoffman konnte es richten.

Die Filme

Wie oben erwähnt, kommen immer wieder neue Filme auf den Markt. Interessante Kreationen, wie der Cinestill 800 Tungsten (Kunstlichtfilm, wird klassisch fürs Kino verwendet) oder den Rollei Color Implosion (man weiß nicht so genau, was da an Farben rauskommt). Aber es gibt auch noch die Klassiker von Ilford (FP4, HP5,…) Fuji (Fujicolor, Pro, Neopan Acros), Kodak (Tri-X, T-Max, Portra, Ektar, Gold). Zu meinem Lieblingsfilm entwickelt sich gerade der Farbfilm Portra von Kodak.

Das Angebot an Filmen in Fotogeschäften ist überschaubar. Zwei gute Adressen im Netz sind FOTOIMPEX und macodirect. Bei macodirect findet man immerhin eine Auswahl von knapp 60 verschiedenen Rollfilmen fürs Mittelformat.

Erste Ergebnisse

Der (Wieder-) Einstieg in die Filmfotografie ist für mich ein Lernprozess und deshalb sind einige meiner Bilder unscharf geworden, verwackelt, über- oder unterbelichtet. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit den Ergebnissen.

Zenza Bronica, Kodak Tri-X 400 und Fuji Acros, Stuttgart

Olympus 35 RD, Cinestill, Venedig

Portraits mit der Zenza Bronica, Fuji Acros, Bergger Pancro400, Kodak Tri-X und Portra
natürliches Licht und Studioblitze

Canon A-1 und Fujica GL 690, Cinestill 800T
Workshop bei Thomas Böttcher

Wie geht es weiter?

Es geht weiter: analog und digital! Sicher werde ich auch weiterhin öfter meine digitale Kamera verwenden. Speziell bei experimentellen Projekten ist das Display eine wichtig Hilfe. Aber die analogen Kameras bereichern meine Fotografie und ich freue mich schon wieder auf den Blick von oben, in meine Bronica, die Spannung, sobald die Bilder nach der Entwicklung zum Download bereitstehen und das Ausprobieren von kuriosen, neuen analogen Filmen. Ich werde berichten…

Header Foto: Alexander Andrews on Unsplash